«Unsere Gesellschaftsstruktur ist nicht inklusiv»

Inklusion ist Ziel der ETH Zürich und zugleich ein sehr abstrakter Begriff. Konkret gelebt und gelehrt wird er in der Praxis: Brian McGowan ist Historiker, unterrichtet ?Disability Studies? an der ETH und sitzt im Rollstuhl. Im Interview regt er an, dass die ETH auch in der Forschung noch inklusiver werden k?nnte – und die Schweiz sowieso.

Brian McGowan, was sind Disability Studies?
Disability Studies sind ein interdisziplin?res Forschungsfeld, das versucht, Behinderung neu zu verstehen: Weg vom traditionellen Verst?ndnis von Behinderung als etwas Defizit?rem, hin zu einem neuen, menschenrechtlichen Verst?ndnis von Behinderung, sodass alle Menschen – mit oder ohne Behinderung – gleichberechtigt an einer Gesellschaft teilhaben.

Die Disability Studies stellen die Frage, wie Behinderung in einer Gesellschaft konstruiert wird und welche Machtverh?ltnisse geschaffen werden, sodass eine Gruppe von Menschen überhaupt erst zur Gruppe von ?Menschen mit Behinderung? gemacht, und h?ufig im gleichen Atemzug abgewertet wird.

Warum braucht es das an einer Universit?t?
Es fehlt klar an Grundlagenforschung, die an Universit?ten betrieben werden muss, um die gegenw?rtig relevanten Fragen zu den Themen Behinderung und Inklusion zu beantworten. In Europa ist die Schweiz bei den Disability Studies Schlusslicht.

M?ngel gibt es also nicht nur an der ETH, sondern generell in der ganzen Schweiz. Das sieht man daran, wie mit der Personengruppe von Menschen mit Behinderungen umgegangen wird. ?ber zwanzig Prozent unserer Gesellschaft geh?ren dieser Gruppe an. Aus Unwissen, Hilflosigkeit und Machtinteressen werden Menschen mit Behinderung meist vom Rest der Gesellschaft separiert, sodass sie irgendwo in Sonderstrukturen ihr Leben führen müssen.

Zur Person

Porträt von Brian McGowan

Brian McGowan war rund zwanzig Jahre in der theoretischen wie praktischen Gleichstellungsarbeit t?tig, unter anderem als Gleichstellungsbeauftragter der Stadt Bern und beim Bund. Parallel dazu hat er das Beratungsunternehmen externe Seite Sensability mitgegründet. Seit drei Jahren unterrichtet er ?Disability (Studies), Inclusion and Human Rights? an der ETH Zürich. Das Seminar findet auch im FS26 wieder statt und Gasth?rer:innen sind willkommen.

Was sehen Sie als Ursache für Vorurteile und Diskriminierungen gegenüber Menschen mit Behinderungen?
Unsere Gesellschaftsstruktur ist nicht inklusiv. Dadurch begegnen sich Menschen mit und ohne Behinderungen kaum. Fehlendes Erfahrungswissen über das Leben mit Behinderungen wird dann h?ufig mit Vermutungen aufgefüllt. Diese Vermutungen werden wiederum verst?rkt durch Stereotype in den Medien, in Filmen und Büchern. Das führt zu einem verzerrten Bild von Menschen mit Behinderungen und ihren Bedürfnissen, ohne dass Menschen mit Behinderungen selbst gefragt werden.

Daraus bilden sich Vorurteile, die h?ufig zu Diskriminierungen führen k?nnen – und dabei mit einer Abwertung der Person mit Behinderung verknüpft werden, um sie vermeintlich zu legitimieren. Wenn wir ?hnlich wie im Rassismus versuchen, einer bestimmten Personengruppe gewisse F?higkeiten abzusprechen und dadurch eine Abwertung und Separation legitimieren, führt dies nicht zu einem Miteinander auf Augenh?he.

Wie k?nnen wir Behinderung neu denken?
H?ufig haben wir ein medizinisches Bild von Behinderung in unseren K?pfen. Der Fokus liegt auf dem, was jemand nicht kann. Dieses Defizit wird zur Behinderung. Im Gegensatz dazu haben die Disability Studies andere Modelle von Behinderung entwickelt, beispielsweise das soziale Modell: Die Behinderung wird nicht mehr in der Person verortet, die etwas nicht kann, sondern in der Umwelt. Menschen sind dann nicht behindert, sondern sie werden behindert – durch Hindernisse, die in der Umwelt bestehen: Beispielsweise eine fehlende Rampe oder fehlende Leitlinien. In diesem sozialen Modell müssen wir nicht mehr am defizit?ren Individuum selbst ?herumbasteln?.

Ein weiteres Modell ist das menschenrechtliche Modell, das Behinderung definiert als Interaktion zwischen Umweltfaktoren und den individuellen Eigenschaften einer Person: Erst im Wechselspiel zwischen ?usseren Hindernissen und pers?nlicher Beeintr?chtigung entsteht eine Behinderung. Beispielsweise, wenn ich als Person, die nicht laufen kann, auf Treppen stosse. Das menschenrechtliche Modell verlangt den Abbau von Barrieren, damit alle an der Gesellschaft teilhaben k?nnen – Behinderung stellt keinen Grund mehr dar, jemandem die Menschenrechte vorzuenthalten. Es kritisiert zudem weit verbreitete ableistische Grundhaltungen in unserer Gesellschaft.

Moment, was bedeutet ?ableistisch??
?Ableistisch? oder ?Ableismus? meint die Ab- oder Aufwertung von Personen oder Gruppen auf Grund ihrer F?higkeiten. Der Begriff kommt aus dem Englischen von ?to be able to do something?. Ableismus geht alle etwas an: Wir alle leben mit erlernten ableistischen Bildern, die alle Menschen, ob behindert oder nicht, fast schon zwingen, so ?able?, das heisst so f?hig zu sein wie m?glich. Also sprich der ganze Zwang, den eigenen K?rper durch Sch?nheitsoperationen oder im Fitnesscenter zu optimieren, so viel wie m?glich zu arbeiten etc.

Wir folgen dem Motto: Je mehr ?able?, desto mehr wert sind wir. Es ist diese allgegenw?rtige Bewertung auf Grund von F?higkeiten, unter denen nicht nur Menschen mit Behinderungen ?leiden?, sondern die ganze Gesellschaft, was auch zu Ersch?pfung und zu Depressionen führen kann.

Auch wenn diese ableistischen Bilder tief eingebrannt sind, über Selbstreflexion und über die Begegnung mit Menschen mit Behinderung k?nnen wir alle versuchen, eigene ableistische Denkmuster zu erkennen und zu überwinden.

Welche pers?nlichen Erfahrungen haben Sie mit ableistischen Vorurteilen oder Diskriminierungen gemacht?
Die Liste w?re lang, das k?nnte ein eigenes Interview sein. Zum Beispiel musste ich als Student in Vorlesungen immer in der ersten Reihe sitzen. Die meisten anderen Studierenden sassen in den hinteren Reihen eines Vorlesungssaales mit Treppen. Das heisst, bei den Gruppenarbeiten war es schwierig mit den anderen Studierenden in Kontakt zu kommen. Dadurch war es schwieriger, sich über akademische Inhalte auszutauschen und soziale Kontakte zu knüpfen. H?ufig vergisst man die sozialen Folgen, die sich aus einer nicht barrierefreien Bauweise ergeben.

Oder ein anderes Beispiel: Als Jugendlicher habe ich immer wieder erlebt, dass mich wildfremde Leute gelobt haben, obwohl ich nichts Besonderes gemacht hatte. Sie haben mir ?ermunternd? auf die Schulter geklopft, oder haben mir fünf Franken in die Hand gedrückt, was für mich als Jugendlicher immer eine sehr schmerzhafte Erfahrung war. Denn gerade in dem Alter m?chte man sich als gleichgestellt und gleichwertig mit anderen wahrnehmen.

Und dann gab es noch einen extremen Vorfall, als ich als Gleichstellungsbeauftragter der Stadt Bern arbeitete. Beim Bahnhof hat mich eine fremde Frau gefragt: ?Wer hat dich denn rausgelassen?? Ich habe sie nur erstaunt angeschaut. Daraufhin fragte sie, ob ich denn wisse, was man mit mir vor 70 Jahren gemacht h?tte, und dass es ein starkes Stück sei, dass ich mich hier so frei bewegen dürfe.

Zurück in die heutige Zeit: Wie inklusiv erleben Sie die ETH Zürich?
Ich erlebe die ETH als Vorreiterin in der Schweizer Hochschullandschaft, mit einem grossen Engagement, Hindernisse in den Strukturen abzubauen. Hinsichtlich der Lehre gibt es aber noch Luft nach oben: Wie stark ist das Thema in der Lehre pr?sent? Ich glaube, es g?be viel Potenzial vorw?rtszugehen durch eine St?rkung von kritischen Disziplinen wie den Disability Studies und deren Einbindung in andere Forschungsfelder.

Wenn Sie eine Sache rasch ?ndern k?nnten, was würden Sie sich wünschen?
Ich würde mir wünschen, dass sich mehr Dozierende darüber bewusstwerden, welche Relevanz die Disability Studies auch für ihre Disziplinen haben. Die in den Disability Studies erarbeiteten Fragestellungen und Theorien bringen zahlreiche Disziplinen viel n?her an die Lebensrealit?t von Menschen mit Behinderungen, als dies heute der Fall ist. Die Schweiz ist bislang praktisch das einzige Land in Europa, in dem die Disability Studies noch nicht mit einer Professur institutionalisiert sind. Es w?re grossartig, wenn die ETH auch auf diesem Gebiet eine Vorreiterrolle übernehmen würde.

Zum Abschluss, was empfehlen Sie ETH-Angeh?rigen, Studierenden, Lehrenden und Mitarbeitenden?
Versucht Menschen mit Behinderungen einzubeziehen, in eure Projekte, in eure Forschungsvorhaben, in eure Vorlesungen. Versucht gemeinsam zu lernen von verschiedenen Lebensrealit?ten, lasst euch davon bereichern, um am Ende bessere Forschung zu machen und bessere Produkte für alle zu entwickeln.

Weitere Informationen zu Beratungen, Angeboten, Events, Projekten und News rund ums Thema Zug?nglichkeit finden Sie auf der Themenwebseite Accessibility.

Umfassende Informationen und Angebote rund um die Themen Diversit?t, Gleichstellung und Inklusion bietet die Webseite von ETH Diversity.

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